Handelsblatt, 19. Mai 2026. Jakob Blume, Anja Müller

Vorwürfe eines Shortsellers überschatten die Hauptversammlung des Prothesenherstellers. Das Management wehrt sich gegen die Vorwürfe – kann den Kurssturz jedoch nicht stoppen.

Auch Sportler nutzen die Prothesen von Ottobock: Das Russlandgeschäft des Konzerns ist hochumstritten. Foto: Ottobock

Frankfurt, Düsseldorf. Dass die Stimmung der Aktionäre auf der Hauptversammlung von Ottobock nicht gerade rosig sein würde, war absehbar. Schließlich liegt der Aktienkurs des seit Oktober 2025 börsennotierten Konzerns seit Mitte Januar stetig unter dem Ausgabepreis von 66 Euro pro Anteilsschein.

Doch ein am Morgen vor dem Aktionärstreffen veröffentlichter Report des Shortsellers Grizzly Research verhagelte den Anteilseignern endgültig die Laune.

Bis zu 14 Prozent verlor die Ottobock-Aktie am Dienstag und ging schließlich mit einem Minus von knapp elf Prozent aus dem Handel.

„Es ist ein Albtraum für die Aktionäre, was da passiert“, kommentierte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Was ihn besonders besorge: Ottobock habe in den vergangenen Tagen und Wochen mit positiven Nachrichten wie strategischen Zukäufen den schwächelnden Aktienkurs nicht stützen können. Und nun sorge ein kritischer Investorenreport für einen regelrechten Ausverkauf.

Das als Leerverkäufer bekannte Analysehaus Grizzly Research hatte einen kritischen Bericht zu Ottobock veröffentlicht, in dem Grizzly die Finanzierungs- und Bilanzierungspraktiken sowie das Russlandgeschäft des Medizintechnikherstellers kritisiert. Grizzly wettet nach eigenen Angaben auf einen Kursverfall der Ottobock-Aktie und sieht deren Wert bei 30 Euro.

Vorstandschef Oliver Jakobi wies die Vorwürfe – soweit sie Ottobock selbst betreffen – auf der virtuellen Hauptversammlung am Dienstag zurück. Vieles in dem Bericht sei nicht neu. Zudem enthalte er „zahlreiche spekulative Behauptungen und irreführende Schlussfolgerungen“.

Von der Fragerunde für Aktionäre war die breite Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Weiterhin Geschäfte in Russland

Investorenkreise bestätigten dem Handelsblatt, dass insbesondere das umstrittene Russlandgeschäft, das auch Grizzly in seinem Report anprangerte, die Aktionäre umtrieb. Laut Prospekt zum Börsengang hat Ottobock im ersten Halbjahr 2025 8,8 Prozent der Erlöse in Russland erwirtschaftet.

Der Shortseller schlussfolgert auf Basis öffentlich einsehbarer Exportdaten, dass Russland der zweitwichtigste Exportmarkt für den Prothesenhersteller nach Indien sei. Und schätzt, dass der Ergebnisbeitrag des Russlandgeschäfts deutlich höher sein könnte als öffentlich bekannt.

Vom Konzern heißt es dazu, der Report von Grizzly enthalte „verzerrende Darstellungen zu dem Anteil des Ottobock-Geschäfts in Russland“.

Das Unternehmen sagt klar: „Die Tätigkeit in Russland ist vollständig auf die zivile Versorgung der Bevölkerung ausgerichtet und steht im Einklang mit sämtlichen anwendbaren Sanktionsvorschriften der Europäischen Union.“ Dies habe das Management auf der Hauptversammlung mantraartig wiederholt, bestätigte Aktionärsschützer Tüngler. Doch wichtige Fragen seien weitgehend offengeblieben.

KPMG hat geprüft

Etwa: Wie gelingt es Ottobock, die Erträge aus dem Russlandgeschäft nach Deutschland zu transferieren? Wie kann das Management in Deutschland die Kontrolle über die Tochterfirmen in Russland und deren Mitarbeiter sicherstellen?

Und wie konnte KPMG als Wirtschaftsprüfer die Zahlen aus Russland prüfen, ohne vor Ort vertreten zu sein? Ottobock versichert mit Blick auf das Russlandgeschäft, der Konzern „verfügt über umfassende Compliance-Prozesse und hat alle erforderlichen behördlichen Genehmigungen eingeholt“.

Auch das Risiko der hohen Schuldenlast von Mehrheitsaktionär Georg Näder treibt Aktionärsschützer und Investoren um. Näder hatte einen Minderheitsanteil an Ottobock vom Finanzinvestor EQT zurückgekauft und sich dafür hoch verschuldet. Der Unternehmer könnte nach Schätzungen von Grizzly bis 2030 Darlehen und endfällige Zinsen in Höhe von mehr als zwei Milliarden zurückzahlen müssen.

„Ottobock ist der einzige erkennbare gewinnbringende Vermögenswert, mit dem die wachsenden Verbindlichkeiten bedient werden können“, heißt es in dem Shortseller-Report. Das Unternehmen weist das zurück: „Ottobock ist in seiner Geschäftstätigkeit sowie in seiner Finanzierung unabhängig von der persönlichen finanziellen Situation seiner einzelnen Aktionäre.“

Doch auch Aktionärsschützer Tüngler kritisiert: „Der mögliche Verkaufsdruck von Herrn Näder ist eine dunkle Wolke, die über der Aktie steht.“ All diese Themen trügen dazu bei, dass der Prothesenhersteller anfällig sei für Shortseller-Attacken – unabhängig von deren Substanz.

Er fordert, Ottobock müsse nun die „Lufthoheit“ über die eigene Aktie zurückgewinnen. Dabei helfe nur maximale Transparenz bei allen Kritikpunkten.